Adel (Ungarn) (Version 1.0)

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    Adel (Ungarn)

    Obwohl erst im 14. Jh. (Dekret vom J. 1351) als juristisch einheitlicher Stand definiert (→Stände), entwickelte sich der ung. A. im 11.–13. Jh. aus mehreren Schichten der Großen: den Ältesten der landnehmenden Geschlechter (wohl mit den comites u. jobagione der frühen Gesetze identisch) gesellten sich bereits im 11. Jh. die aus dem Westen eingewan;derten Ritter u. Adelige (die sog. advena-Sippen) hinzu. Im späteren 13. Jh. wurden dann die ehemals bewaffneten oder berittenen dienstleistenden Königsleute (servientes regis) immer öfter als nobiles betrachtet (noch 1222 bezog sich der Ausdruck nur auf die →Magnaten). Aus diesen Schichten entstand, im Zusammenhang mit der Umwandlung des kgl. Heeres, das allmählich die (westl.) ritterliche Kampfweise u. Ausrüstung übernahm, ein A.sstand, der sich seit 1351 als „una eademque nobilitas“ begriff, ungeachtet seiner nach Besitz u. ges. Stellung weit verschiedenen Mitglieder. Sich immer mehr v. den Nichtadeligen abgrenzend – →Ispán-Ämter an Nichtadelige zu vergeben wurde bereits 1290 untersagt –, sicherte sich der A. Freiheit v. kgl. u. kirchl. Abgaben u. von der untergeordneten Gerichtsbarkeit, ließ seine Kriegsdienstpflicht zeitlich begrenzen u. erwarb Gerichtsherrschaft über seine Höri;gen (→Jobágyen). Kirchenpfründe waren fast ausschließlich dem A. vorbehalten. Ähnlich wie im benachbarten Polen wurde auch in Ungarn eine breite Schicht v. armen Freien zum A. gerechnet (im 15.–16. Jh. vielleicht 4-5 % der Bev.). Doch die vollen Rechte des A.s, die Mitsprache in Staatsangelegenheiten u. die Teilnahme am aktiven Militärdienst, blieben der zahlenmäßig geringen Schicht des im 17.–18. Jh. als bene possessionati bezeichneten mittleren A.s u. der Hocharistokratie vorbehalten. Sippenbesitz des A.s blieb bis ins 19. Jh. unveräu;ßerlich, im Mannesstamm unbegrenzt vererbbar („Avitizität“, 1351 kodifiziert; →Goldene Bulle). Töchter erhielten ihr als „Viertel“ (quarta filialis) bezeichneten Anteil als Aussteuer in Geld, aber wenn sie (im Einvernehmen mit der Familie) einen Nichtadeligen heirateten, wurde ihnen Landbesitz überschrieben. De facto zählte dann der Ehemann, falls die adelige Gemeinschaft des →Komitats ihn aufnahm – als Mitglied des A.s. Einige Gruppen (z. B. solche in kirchl. Dienst, die sogenannten prediales, u., zumindest seit dem Spät-MA, die in →Siebenbürgen) besaßen bis Ende des alten Ungarn geringeren Status als die veri nobiles reg;ni. Im 16.–18. Jh. verliehen die Habsburger den A. an viele Soldaten u. Staatsbeamten ung. u. ausländischer Herkunft. Durch seine ausschließliche Teilnahme an der lokalen (→Komitat) u. landesweiten Politik (→Országgyűlés) behielt der A. auch in der Neuzeit eine bedeutende Rolle, die teilweise bis ins 20. Jh. reichte. Die Reformen des Vormärz (→Reformzeitalter), die →Revolution von 1848 u. auch Regierung u. Parlament nach 1867 zur Zeit des →Dualismus wurden weiterhin größtenteils vom A. getragen. („Bürgerliche“ Minister blieben bis in die 1930er Jahre eine Seltenheit.) Der ung. Offiziers- u. Beamtenstand der Doppelmonarchie rekrutierte sich aus dem verarmten A., der als „Gentry“ (s. a. →Bürgertum, Ungarn) bis 1945 ges. u. pol. einflussreich blieb. 1946 wurden alle A.stitel abgeschafft u. viele Mitglieder des A.s, die nicht emigriert waren, wurden unter der komm. Herrschaft benachteiligt, ja verfolgt (Ausschluss aus höheren Schulen, Vertreibung aus den Städten, Arbeitslager für „Klassenfremde“ usw.).

    Literatur (a. →Feudalismus, Ungarn):
    A. Vári/J. Pál/St. Brakensiek, Herrschaft an der Grenze. Mikrogeschichte der Macht im östlichen Ungarn im 18. Jh. Köln u. a. 2014 ;
    Adelsgeschichte als Elitenforschung. Hgg. M. Řezník/L. Velek. München 2012 ;
    Adel u. Politik in der Habsburgermonarchie u. den Nachbarländern zwischen Absolutismus u. Demokratie. Hgg. T. Tönsmeyer/L. Velek. München 2010 ;
    A. Vári, Herren u. Landwirte. Ungarische Aristokraten u. Agrarier auf dem Weg in die Moderne (1821–1910). Wiesbaden 2008 ;
    J.M. Bak, La noblesse en Europe centrale au moyen âge et au début de l’époque moderne, in: La noblesse dans les teritoires angevins à la fin du moyen âge. Actes du colloque international organisé par l’Université d’Angers. Hgg. N Coulet/J.-M. Matz. Rome 2000, 149–158 ;
    M. Rady, Nobility, Land and Service in Medieval Hungary. Basingstoke u. a. 2000 Nobilities in Central and Eastern Europe: Kinship, Property, Privilege. Hg. J.M. Bak. Budapest 1994 ;
    E. Fügedi, The Aristocracy in Hungary, in: ders., Kings, Bishops, Nobles and Burghers in Medieval Hungary. London 1986, Kap. IV ;
    F. Maksay, Les pays de la noblesse nombreuse, in: Études historiques hongroises. Budapest 1980, Bd. 1, 167–92.

    Literaturangaben

    • Adelsgeschichte als Elitenforschung. Hgg. M. Řezník/L. Velek. München 2012
    • A. Vári, J. Pál, St. Brakensiek, Herrschaft an der Grenze. Mikrogeschichte der Macht im östlichen Ungarn im 18. Jh. Köln u. a. 2014 ;

    Citation

    : Version 1.0. In: OES Demo. Publiziert vom Center für Digital Systems, Freie Universität Berlin,